Wie aus der demografischen Entwicklung unserer Bevölkerung zu schließen ist, muss von einer dramatischen Zunahme der Zahl pflegebedürftiger bzw. -abhängiger Menschen in Niedersachsen in den kommenden Jahren ausgegangen werden. Bundesweit gehen die Überlegungen bis hin zu einer Verdoppelung während der kommenden 3 bis 4 Jahrzehnte. Wenn auch die Entwicklung nicht in exakten Zahlen vorhersagbar ist, so scheint der Trend jedoch unumstritten. Gesundheitsförderung und Prävention im Alter sind geeignet, das Risiko schwerer Erkrankungen mit konsekutiver Pflegebedürftigkeit zumindest zum Teil zu vermeiden bzw. hinauszuzögern. Große gerontologische Studien belegen, dass die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit durch gesundheitsfördernde Maß-nahmen im Alter möglich ist. Geeignete Programme können das Risiko einer Pflegebedürftigkeit um über 20 %, das Risiko einer nicht gewünschten, aufgrund intensiven Pflegebedarfs jedoch unabänderlichen stationären Pflege um über 30 % reduzieren. Dies scheint nicht allein unter Aspekten der Lebensqualität und Selbstbestimmung im Alter, sondern auch unter Kostengesichtspunkten bedeutsam.
Geriatrische Prävention als Modell einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und Fachpersonen in der Gesundheitsberatung auf Anbieter- und Kassenseite findet ihren Ausdruck in der Zusammenarbeit in Qualitätszirkeln mit altersmedizinisch relevanten gemeinsamen Fortbildungen, Fallbesprechungen oder präventiven Hausbesuchen. Ein wissenschaftlich begleitetes und ausgezeichnetes Modellprojekt unter dem Motto "Präventionsprogramm für Senioren" konnte im Anschluss an Trainerseminare auch in Niedersachsen etabliert werden.
Ziel einer geriatrischen Behandlung ist somit in erster Linie die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit und Erhalt von möglichst viel Selbstständigkeit im höheren und hohen Lebensalter. Ein Umzug in ein Pflegeheim sollte verhindert oder zumindest hinausgezögert werden. Ist dies das Ziel und ist dieses Ziel in der Zusammenschau der Krankheitsgeschichte und der erhobenen Befunde zur Beschreibung der Funktionen auf Organebene und der Fähigkeitsstörungen (geriatrisches Assessment) des einzelnen Patienten realistisch, besteht immer eine Indikation zu einer geriatrischen Behandlung, gegebenenfalls als Prävention (ambulant oder stationär). Dies erfordert in der Regel einen Hausbesuch durch ein qualifiziertes Team (Arzt, Pflege, Sozialdienst), ggf. Maßnahmen einer Rehabilitation gemäß des Grundsatzes "Rehabilitation vor Pflege" und geriatrische Kompetenz des Hausarztes ("Lotsenfunktion").
8.1. Ambulante Prävention
Ambulante Prävention in der Geriatrie ist die Vermeidung von Hilfs- bzw. Pflegebedürftigkeit sowie Kompensation von Organschädigungen und resultierenden Fähigkeitsstörungen im Alterungsprozess. Diese manifestieren sich in unterschiedlich schnellen Verläufen und sind letztlich in der Regel unvermeidbar. Ambulante gesundheitsfördernde und präventive Maßnahmen fokussieren sich daher auf einen Zeitpunkt bzw. eine Situation, in der noch keine relevanten Schädigungen eingetreten sind oder bereits bestehende Schädigungen nicht in einem solchen Maße schwerwiegend erscheinen, dass eine häusliche Versorgung nicht mehr möglich ist.
- Ziele ambulanter geriatrischer Prävention sind in Besonderem:
- Früherkennung von chronischen und drohenden akuten Erkrankungen und ihren Krankheitsfolgen,
- Beschreibung und Vermeidung körperlicher Funktionsdefizite,
- Beschreibung und gegebenenfalls Kompensation geistiger Funktionsdefizite,
- Beschreibung und Erhaltung des sozialen Umfeldes.
8.2. Stationäre Prävention
Stationäre Prävention in der Geriatrie erfolgt im Rahmen einer akutgeriatrischen Krankenhausbehandlung oder geriatrischen Rehabilitation. Hierbei sind die Schädigungen insgesamt in einem solchen Maße schwerwiegend, dass eine häusliche Versorgung zur Zeit der Krankenhaus- bzw. Rehabilitationsbehandlung nicht möglich ist oder ein im ambulanten Bereich nicht zu erbringender diagnostischer Aufwand bzw. Therapiefrequenz erforderlich sind. Besondere Bedeutung bei der sekundär- bzw. Tertiärprävention haben z. B. Kontrakturen, Dekubitus, Sturz und Apoplektischer Insult.


